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(Die Presse, Wien, 14.01.2002)
Das Einordnen von Musik ist so eine Sache - vor allem, weil das begriffliche Instrumentarium denkbar grob ist. Meist genügt es zwar, gerade im populären Bereich, wo sich Musik widerstandslos in verfügbare Klischees pressen läßt. Da ist dann etwas Techno oder Dancefloor oder House, das ist dann fein und man lehnt sich zufrieden zurück und ist stolz aufs gelungene Etiketten-Picken. Macht ja auch Eindruck, das souveräne Mascherlverteilen.
Bisweilen wird's freilich schwierig - Deine Lakaien sind ein treffliches Beispiel. Was der verschroben wirkende Elektronik-Tüftler Ernst Horn und der pathosgegürtete mazedonische Bariton Alexander Veljanov seit 15 Jahren produzieren, entzieht sich der Präzisierung. Aus Mangel an Feinwerkzeug greift man auf den groben Klischee-Klotz zurück, nennt es Gothic oder Dark Wave. Rrrutsch. Fehler. Erstens krümmt sich da der Andere, weil er genau das nicht leiden kann. Und zweitens ist's irrig, das Etikett.
Richtig ist es, es einfach nur zu hören, das neue Werk der deutschen Musiker. "White Lies" - so unschuldig, so weichgespült und kuschelhasenverziert, wie es sich optisch präsentiert. Dann die Eröffnung, Stück 1 - "Wunderbar": Eine wandernde Gitarre, eine lamentierende Drehleier, ein betrübtes Cello und ein präzis pochendes Klavier auf Winterreise, vielfach tektonisch ineinander geschichtet. Eine fein ziselierte Klanglandschaft aus mattem Silber, in die Veljanovs Stimme getragen einsetzt, wie ein Urteilsspruch.
Dann die Sterne. Ein Leitmotiv der Lakaien. Ein Betrunkener, der eine Straßenlaterne ansingt: My wonder wonder shining star - wunderbar - shining star. Schon ist man in Ketten. Die Sonne ist zu Boden gedrückt. Der Rotwein funkelt im Abendlicht, das am Horizont zersplittert.
Horn und Veljanov verschachteln auf "White Lies" Unerhörtes zu großer Musik. Hier treiben Anklänge an Bands wie Kraftwerk und Yazoo an die Oberfläche, da greifen sie auf das südfranzösische Mittelalter zurück, kleiden es in einen Saltarello und hängen es an die Hochspannungsleitung. Und machen sprachlos.
Schwer, diese Etikettensuche. Avantgarde-Elektronik ist vielleicht passend. Ansonsten nur ein Wort: Wunderbar.
